Der Kampf um Ruhm und Anerkennung einer Ur-Sportart

20. Juni 2022 · Thomas Ditzler
Der Kampf um Ruhm und Anerkennung einer Ur-Sportart, Eidgenössisches Schwing- und Älplerfest Pratteln im Baselbiet | ESAF 2022

Ein Hornusser in Aktion

ESAF 2022

Hornussen zählt, wie das Schwingen, zu den traditionellen Schweizer Sportarten. Am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Pratteln feiert Ende August das Mannschaftsspiel ein Comeback – ganz zur Freude der einzigen Hornussergesellschaft im Baselbiet.

Mit bis zu 300 Stundenkilometer wird der «Nouss», das Spielgerät der Hornusser, auf dem Stuelboden oberhalb Tenniken bei einem Meisterschaftsspiel jeweils durch die Luft geschlagen. Seit bald 100 Jahren betreibt die Hornussergesellschaft Tenniken (HG) diese traditionelle Sportart. Während Hornussen unter anderem im Berner Mittelland weitverbreitet ist, sind die Tenniker (2. Liga) nördlich der Jurakette praktisch die einzig verbleibende Gesellschaft. Die Oberbaselbieter kämpfen Saison für Saison nicht nur um Meisterschaftspunkte, sondern auch um den eigenen Nachwuchs und die Anerkennung in der breiten Bevölkerung.

Der Kampf um Ruhm und Anerkennung einer Ur-Sportart – Abschlag der Nouss   ESAF 2022 | Eidgenössisches Schwing- und Älplerfest Pratteln im Baselbiet | ESAF 2022

Abschlag der Nouss

ESAF 2022

Im grossen Scheinwerferlicht

Ganz anders wird dies Ende August sein. Am ESAF Pratteln im Baselbiet gehört Hornussen, neben dem Schwingen und Steinstossen zu den drei Sportarten, die ihre Sieger erküren wird. Hornussen wird dann im grossen Scheinwerferlicht stehen. Dass die Ur-Schweizer Sportart in Pratteln präsentiert wird, ist nicht selbstverständlich. «Es ist dem jeweiligen ESAF-Organisator überlassen, ob unser Sport ins Angebot aufgenommen wird», sagt Adrian Oberer, Vorstandsmitglied bei der HG Tenniken.

Meistens hängt es mit den Platzbedingungen zusammen.  Wenn man bedenkt, dass das Spielfeld, das sogenannte Ries, mindestens 300 Meter lang und rund 15 Meter breit sein muss. So wurde beispielsweise am letzten «Eidgenössischen» 2019 in Zug auf die Hornusser-Wettkämpfe verzichtet. «Umso schöner und spezieller, dass es am ESAF in unserer Region wieder geklappt hat», kommentiert Oberer das Comeback seiner Sportart vor der eigenen Haustür.

20 Gesellschaften in Pratteln dabei

Ähnlich wie beim Schwingen, wird am ESAF-Hornusserfest nur eine kleine Anzahl von Auserkorenen teilnehmen dürfen. Nur gerade 20 Gesellschaften werden auf der Anhöhe auf Giebenacher Boden, unmittelbar neben Pratteln, antreten können. «Die Startplätze werden vom Eidgenössischen Hornusserverband auf die vier Zweckverbände verteilt», erklärt Adrian Oberer. 2010 in Frauenfeld kamen die Tenniker in den Genuss einer Teilnahme. In diesem Jahr werden sie vor allem die Organisatoren bei der Durchführung der Wettkämpfe vor Ort unterstützen und so ihren Teil dazu beitragen.

Da bei einem ESAF die Stärkeklassen der jeweiligen Hornussergesellschaften vermischt werden, sei der sportliche Stellenwert dieses Turniers für die Hornusser nicht vergleichbar mit dem eigentlichen Eidgenössischen Hornusserfest. Dieses findet ebenfalls alle drei Jahre statt und gilt als eigentlicher Höhepunkt im Kalender. «Es ist trotzdem immer wieder speziell, wenn wir unsere Sportart an einem ESAF präsentieren dürfen», so Oberer. Gerade auch deshalb, weil eine ESAF-Teilnahme für die jeweiligen Hornussergesellschaften äusserst selten ist.

Mischung aus Einzel- und Mannschaftssport

Auch wenn die Sportart auf eine lange Tradition zurückblicken kann und zeitweise auch als Ur-schweizerische Sportart betitelt wird, ist sie heute nicht mehr überall gleich stark verbreitet. Dabei hat das Hornusserspiel durchaus auch seinen Reiz. «Es ist eine Mischung aus Einzel- und Mannschaftssport», erklärt Adrian Oberer. Während im Angriff beim Schlagen jeder Spieler versucht, den Nouss möglichst weit ins Ries zu schlagen und so für sein persönliches und das Mannschafts-Konto Weitenpunkte zu sammeln, liegt es an der gegnerischen Gesellschaft als Team zu versuchen den Nouss zu stoppen, ehe er im Spielfeld landet.

Für die Verteidigungsarbeit, das sogenannte Abtun, benutzen die Hornusser ihre Holz-Schindeln.  «Das Verteidigen des eigenen Rieses hat beim Hornussen Priorität», sagt Adrian Oberer. Wird nämlich ein Nouss im eigenen Feld nicht abgefangen, kassiert das Team eine «Nummero». Diese wird höher gewertet als die geschlagenen Weitenpunkte.

Die Nummeros können durchaus einen Faktor über Sieg und Niederlage haben. «Eine Nummero ist vergleichbar mit einem Gegentor im Eishockey», so Oberer. Im Hornussen ist es aber nicht das primäre Ziel, ein solches «Tor» dem Gegner einzustecken. Vielmehr will man für seine Gesellschaft beim Schlagen möglichst viele Weitenpunkte sammeln.

Ein Mehr-Generationen-Sport

Wer einmal selber einem Hornusserspiel beigewohnt hat, der merkt sehr rasch, dass es sich dabei auch um ein Mehr-Generationen-Sport handelt. «Die Gesellschaften können alterstechnisch sehr durchmischt sein», sagt Oberer und ergänzt, dass aktive Hornusser von 16 bis über 70 Jahre alt sein können. Obwohl die Sportart primär von Männern ausgeübt wird, gebe es auch vereinzelt Frauen, die bei Hornussergesellschaften mitspielen. «Vor allem im Nachwuchsbereich sind Mädchen keine Seltenheit», sagt der Nachwuchsverantwortliche der HG Tenniken.

Agil und ein gutes Auge

Ein guter Hornusser zeichnet sich durch seine Koordination aus. Beim Schlagen mit dem Stecken, der aus Kohlefaser besteht und am Ende mit einem Holz-Träf bestückt ist, ist es essenziell, dass der Nouss präzise und kraftvoll geschlagen wird. Braucht der Spieler beim Schlagen seine Schnellkraft, gilt es beim Abtun im Feld, dass er agil ist und ein gutes Auge für den Nouss in der Luft hat. «Er muss die Flugbahn der Nouss einschätzen können, um so seinem Team zu helfen», sagt Oberer.

Welcher der 20 Gesellschaften dies am ESAF-Hornussen am besten gelingen wird, wird sich spätestens am Samstag, 27. August um 16 Uhr zeigen. Dann findet die Rangverkündigung in einem der Festzelte auf dem ESAF-Festgelände statt. Ganz bestimmt auch in Anwesenheit einiger Tenniker Hornusser, die sich vor allem über die grosse Präsenz ihrer Sportart im eigenen Kanton freuen.

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